03. Februar 2026
Im Projektkurs „Balu und du“ lernen Jugendliche, bedürfnisorientiert auf ihre Schützlinge einzugehen
Havixbeck. „Welche Bedürfnisse haltet ihr für wichtig?“ Diplom-Pädagogin Barbara Borchert steht im Konferenzraum der Anne-Frank-Gesamtschule in Havixbeck und spricht mit Oberstufenschülerinnen und -schülern darüber, was Kinder brauchen, um sich wohlzufühlen. Die Jugendlichen nehmen am bundesweiten Mentoringprogramm „Balu und du“ teil. Ein Mal in der Woche werden sie – die „Balus“ - künftig ein Grundschulkind treffen und es wie Mogli in Disneys „Dschungelbuch“ durch den Alltag begleiten. Eine „Win-Win-Situation“, wie die koordinierende Pädagogiklehrerin Dorothee van Wesel betont. „Die Jugendlichen lernen die Zusammenarbeit mit Kindern kennen und übernehmen Verantwortung. Die Moglis profitieren von den Balus, die nicht nur wertvolle Spielpartner sind oder bei Problemen helfen, sondern oft auch zum Vorbild dienen.“
Doch bis es so weit ist, werden die Balus professionell geschult. Zwar sind alle pädagogisch interessiert, die meisten haben auch Pädagogik als Fach in der Schule gewählt, aber die Herausforderungen in der Praxis sind vielfältig. Daher finden vor Beginn des Programms spezielle Schulungen statt wie der von Barbara Borchert.
Inhaltlich geht es zunächst um Grundbedürfnisse – von Ernährung über Sozialkontakte bis hin zu individuellen Vorlieben wie Lieblingsspielzeug – und darum, was passiert, wenn Grundlegendes fehlt. Borchert spricht von Kindeswohlgefährdung. Den Unterschied von schwerer Vernachlässigung und erzieherischen Mängeln visualisiert die Pädagogin mit Hilfe von Ausschnitten aus Astrid Lindgrens „Michel aus Lönneberga“. Die Schülerinnen und Schüler fällen Urteile: Wenn sich Michel in die Scheune einschließt, weil er wieder einmal etwas angestellt hat, sei das zwar nicht gut, weil dies zeige, dass er Angst habe, aber er handele freiwillig. „Wenn der Vater ihn dagegen einschließt, ist das Freiheitsberaubung“, stellt Borcher klar und thematisiert neben psychischer und geistiger auch körperliche Gewalt. „Wenn ihr bemerkt, dass euer Mogli von den Eltern geschlagen oder anderweitig misshandelt wird, sprecht ihr eure Koordinatorin an.“ Im Kontakt mit dem Kind sei es wichtig, nur Dinge zu unternehmen, die das Kind auch möchte. Dabei stellt die Pädagogin klar: „Ihr seid nicht die Freunde der Kinder, denn ihr müsst auch bereit sein, Grenzen zu setzen und das Kind zu schützen.“
„Unsere Schülerinnen und Schüler sind in der Regel behütet und haben wenig Erfahrung mit Gewalt in der Familie“, sagt van Wesel. „Umso wichtiger, dass sie wissen, was Kindern zustoßen kann. Auch wenn dies in der Praxis selten vorkommt.“
BU: Barbara Borchert und Dorothee van Wesel bereiten Oberstufenschülerinnen und Schüler im Projektkurs „Balu und du“ auf diverse pädagogische Situationen vor. Von links: Lilly Leinung, Nikolay Tamrazyan, Barbara Borchert, Sophia-Marie Matussek, Viktoria Keller, Frederick Pfund, Dorothee van Wesel, Greta Hemker, Lena Catinka Fischer (Foto: Steinböck)